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Lexikon

Brennnesselalarm!

Brennnesselalarm!

Die Raupen des Admirals (Vanessa atalanta) ernähren sich ausschließlich von Großer Brennnessel (Urtica dioica). (Foto: cc-by-sa Samashy_ Admiral01 @wikipedia.de)
Tagfalter Admiral (Vanessa atalanta)

Wir haben uns schon einmal mit Aspekten eines Naturgartens beschäftigt. In diesem Zusammenhang möchte ich einmal eine „Lanze brechen“ für eine der unbeliebtesten Wildpflanzen überhaupt: der Brennnessel. Zugegeben, sie blüht nicht sehr schön, ist aber durchaus stattlich und immer auch etwas eigensinnig. Und sie ist eine der wenigen Pflanzenarten, die dem Menschen auf natürliche Weise eine gehörige Portion Respekt abnötigt. Jeder Mensch hat schon als Kind unliebsame Begegnungen mit dem effektiven Giftapparat dieser Pflanze gehabt und ist entsetzt vor ihr zurückgewichen. In einem „normalen“ Garten wird daher die Brennnessel als ein natürlicher Feind erbarmungslos bekämpft. Nicht so in einem „Naturgarten“. Denn die Brennnesseln haben auch durchaus segensreiche Wirkungen, wie ihr gleich erfahren werdet.

 

Es gibt zwei Arten von Brennnesseln bei uns in Deutschland

Die Kleine Brennnessel (Urtica urens) ist eine der beiden bei uns häufigen Arten der Brennnesseln (Urtica) aus der Familie der Brennnesselgewächse (Urticaceae) Sie brennt besonders intensiv. (Foto: cc-by-sa Hugo.arg GailiojiDilgele001 @wikipedia.de)
Kleine Brennnessel
Ein Horst allein stehender Großer Brennnessel kann auch dekorativ wirken. Sie wachsen in der Sonne oder im Schatten gut. Allerdings haben die Schmetterlinge je nach Art bestimmte Vorlieben für einen hellen oder dunklen, trockenen oder nassen Standort. (Foto: Simplicius, 2004, GNU/FDL)
Große Brennnessel

Die Große Brennnessel (Urtica dioica) liebt Waldränder und Gebüsch, und wird bis zu 1 Meter groß. Die Kleine Brennnessel (Urtica urens) ist vor Urzeiten schon zusammen mit Saatgut aus Asien bei uns eingeschleppt worden und ist hauptsächlich ein Gewächs des Ackers. Von über 50 Schmetterlings- und Käferarten ist inzwischen bekannt, dass sie direkt auf die Nahrung und den natürlichen Schutz durch Brennnesseln angewiesen sind! Hinzu kommen nun noch diejenigen Arten, die an diesen Arten parasitieren (Parasiten benutzen andere Arten als Wirte, indem sie von ihrem Körper leben), also indirekt ebenfalls von der Brennnessel abhängen.

Brennnesseln sind wichtige Raupenfutterpflanzen für Schmetterlinge

Tagpfauenauge (Inachis io), einer der schönsten und interessantesten Schmetterlinge in Deutschland. (Foto: cc-by-sa, Jörg Hempel @wikipedia.de)
Tagpfauenauge
Landkärtchen (Araschnia levana f. levana), Frühlingsgeneration. Das Landkärtchen ist ein Tagfalter aus der Familie der Edelfalter (Nymphalidae). Die Art bildet zwei Generationen im Jahr aus, deren Falter sich stark unterscheiden. (Foto: cc-by-sa Holger Gröschl@wikipedia.de)
Landkärtchen, Frühjahr
Landkärtchen, Sommergeneration (Araschnia levana f. prorsa) Dieser Saisondimorphismus wird durch die Tageslänge während der Raupenentwicklung gesteuert. (Foto: cc-by-sa Michael Apel @wikipedia.de)
Landkärtchen, Sommer

Die bekanntesten und beliebtesten Tagfalterarten, die nur an Brennnesseln fressen, sind Admiral, Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs und das Landkärtchen. Sie sind also auf die Brennnessel strikt angewiesen, andere Pflanzen kommen für diese Arten nicht in Betracht (Monophagie). Der Vorteil liegt für die Tierarten u.a. auch in der Schutzfunktion, die von der wehrhaften Pflanze ausgeht. Dabei vermeiden die Tiere untereinander Konkurrenz, indem sie an unterschiedlichen Bestandteilen einer Pflanze fressen:

Die Raupen des Kleinen Fuchses sind an trockenen und sonnigen Stellen zu finden. Das Tagpfauenauge mag es zwar gleichfalls sonnig, aber dennoch luftfeucht und bevorzugt daher Plätze an Gewässern. Beide Arten benötigen überdies größere Brennnesselbestände. Der Admiral dagegen gibt sich schon mit Ansammlungen einiger weniger Pflanzen zufrieden und bevorzugt eher kümmerliche Brennnesseln. Das Landkärtchen sucht sich die schattigsten Wuchsorte der Brennnessel aus, die oft großen und dichten Bestände in den fluss- und bachbegleitenden Auwäldern.

Brennnesseln haben auch für uns Menschen einen Nutzen

Faserpflanze: Heute etwas aus der Mode gekommen ist das rauhe Gewirk des Nesseltuchs, das für Kleidung, Tauwerk und Segel, sowie für Säcke verwendet wurde.

Nahrungspflanze: Oft unterschätzt wird die Bedeutung der Brennnessel als Nahrungsgrundlage: Besonders in Notzeiten erwies sich die überall vorkommende Brennnessel als ein wichtiger Vitamin- und Gemüselieferant, denn die Brennnessel lässt sich roh als Salat - oder gekocht wie Spinat zubereiten.

Zeigerpflanze: Brennnesselaufkommen verraten dem kundigen Biologen viel über den Zustand und die Beschaffenheit von Böden: Sie gilt als äußerst Stickstoff liebend (hoher Düngeranteil in mastigen Böden) und sie ist ein „Störungszeiger“ (sie besiedelt als typische Pionierpflanze besonders gern neu aufgebrachte, umgebrochene oder sonst wie veränderte Böden). Die Brennnessel ist also durchaus geeignet, dass man mit ihr zutreffende Aussagen über den Zustand und die Unberührtheit einer Landschaft machen kann.

Arzneimittel und Kosmetik: Das Nesselgift ist in der pharmazeutischen und kosmetischen Industrie von jeher ein beliebter Grundstoff gewesen. Heute wird er allerdings künstlich auf chemischem Wege zur Arzneimittelproduktion hergestellt. Darüber hinaus haben Tees aus Blatt- und Wurzelextrakten heilende Wirkung.

Pflanzendünger: Brennnesseln enthalten einen hohen Anteil an Kieselsäure. Diese macht man sich als Stärkedünger für Kulturpflanzen zunutze, indem man Brennnesseln abkocht oder verjaucht, wobei die Jauche besonders effektiv ist, aber auch besonders intensiv „duftet“.

Das Ei in der Vergrößerung offenbart filigrane Strukturen, jede Schmetterlingsart hat ihr typisches Muster. (Foto: cc-by-sa Gilles San Martin_Vanessa-atalanta-eggs2 @wikipedia.de)
Raupengespinst des Kleinen Fuchses. Die uralte Geschichte vom hässlichen Entlein... (Foto: cc-by-sa Frank Vincentz_Aglais urticae - Urtica dioica1 ies @wikipedia.de)
...kann aus solch hässlichen Raupen so ein schöner Schmetterling werden? Kleiner Fuchs (Nymphalis urticae) auf einer Sonnenblume. (Foto: cc-by-sa Darkone @wikipedia.de)
Wieviele Schmetterlings- und Insektenarten fressen an Brennnesseln?
A oder B oder C - nur eine Antwort ist richtig.
A 4 Arten
B 10 Srten
C über 50 Arten

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Nachwachsende Rohstoffe erhöhen die Umweltverträglichkeit von Industrieprodukten

Fasernesseln im Feldanbau: Diese auf Faserreichtum optimierte Züchtung dient der Nesselfasergewinnung. (Foto: © 2010 Institut für Pflanzenkultur e.K.)
Feldanbau der Fasernessel

Zusammen mit der aus Leinsaat gewonnenen Flachsfaser und dem daraus gewonnenen Gewebe (Leinen, Linnen) waren Nesselgewebe noch bis in die Anfänge des letzten Jahrhunderts wirtschaftlich wichtig, denn bis dato waren Stoffe aus Baumwolle in Europa noch nahezu unbekannt. Heute wird Nesselfaser immerhin wieder als Gewebezuschlag für bestimmte Zwecke eingesetzt.  Auch Autofirmen experimentieren mit Brennesselfasern in den Sitzpolstern, weil sie ökologisch abbaubar sind. Die Zuchtform der Großen Brennnessel, die Fasernessel, unterscheidet sich von der Wildart durch deutlich längere, gerade Stängel, nur geringe Verzweigung, weniger Nesselzellen und den Abwurf der Blätter im Herbst, was die spätere Verwertung des Strohs erleichtert. Sie erreicht Höhen von bis zu drei Metern. Am wichtigsten ist jedoch der im Vergleich zur Stammform stark erhöhte Faseranteil von 17% statt 5%.

Die Brennhaare

Nesselhaare der Brennnessel, deren Inhalt bei Berührung brennenden Juckreiz verursachen. (Author= Jerome Prohaska, pd)
MAkroaufnahme von brennnesselhaaren

Bei einer Berührung mit Brennhaaren vieler Brennnesselgewächse entstehen schmerzhafte Quaddeln. Die Brennhaare besitzen an ihrer Spitze ein Köpfchen, das verkieselt ist und eine Sollbruchstelle besitzt. Wird das Köpfchen bei Berührung abgebrochen, hinterlässt es das scharfkantige, starre Haar. Dieses bohrt sich in die Haut und entleert dort das in ihm enthaltene Gemisch aus Serotonin, Histamin, Acetylcholin, Methansäure und Natriumformiat. Bereits ein Zehntausendstel Milligramm dieser Flüssigkeit reicht aus, um die uns bestens bekannte Wirkung zu erzielen.

Gut zu wissen!

- Innerartliche Konkurrenz (Intraspezifische K.), Konkurrenz, die die Individuen derselben Art untereinander ausüben bezüglich Futter- oder Lebensraumangebot).

- Außerartliche Konkurrenz (Interspezifische K.), Wettbewerb um Ressourcen und Lebensraum, den verschiedene Arten untereinander ausüben (bezgl Futter oder Nistplatzangebot). Sehr häufig findet man Strategien zur Vermeidung derselben, etwa indem beide Arten zwar an der gleichen Wirtspflanze fressen, aber unterschiedliche Teile nutzen (Blüte, Stängel, Blatt, Wurzel)

- Dimorphismus (Zweigestaltigkeit): Besonders häufig ist der Sexualdimorphismus (z.B. auch bei uns Menschen), indem männliche und weibliche Individuen sich in typischer Form oder Färbung voneinander unterscheiden.

- Saisondimorphismus: Unterschiede in Form, Aussehen oder Größe bei Tieren der gleichen Art bei der ersten Jahrespopulation(Frühling) und der zweiten (Sommer).

- Monophag: Bezeichnet das Fressverhalten von Tierarten, die sich von nur einer einzigen Art (Pflanzen- oder Tierart) ernähren und zum Überleben auf sie absolut angewiesen sind